Fast wie im Film!

Zauberkunst live. Kaum vorstellbar, stehen doch seit März dieses Jahres die Bühnen des Landes praktisch leer. Ein gewisser Stillstand war unumgänglich. Doch Bühnenkunst lebt vom Live-Erlebnis, und so ist es ebenso notwendig, sie wieder live stattfinden zu lassen. Erste zaghafte Versuche gab es insbesondere über kleine Mix-Shows, Open Air-Formate und Autokino-Shows.

Die Zauberkünstler Timothy Thomson, Marco Weissenberg und Axel Adams jedoch haben Chance und Risiko genutzt, als einige der ersten Künstler überhaupt wieder ein abendfüllendes Programm vor Menschen zu bringen – in einem geschlossenen Saal, ganz ohne Autos und Livestream, aber unter entsprechenden Auflagen.

„Cinemagic: Magie wie im Film – nur in echt“ hieß die Show, die vergangenes Wochenende gleich zweimal über Bühne und Leinwand im Filmpalast Lüdenscheid ging. Eine Show in einem Kino zu spielen ist ungewöhnlich, zumal unter den aktuellen Umständen. Sowohl organisatorisch wie auch inhaltlich bewiesen die drei Zauberkünstler aber, was aus dieser Idee machbar ist.

Zwei Schauplätze nutzten die Künstler für sich: Eine eigens für dieses Format aufgebaute Bühne vor der großen Kinoleinwand und ein Close up-Set mit Kamera, deren Bilder auf die Leinwand übertragen wurden. So hatte der gesamte Saal, ausverkauft mit entsprechend freigebliebenen Plätzen zwischen den einzelnen Zuschauergruppen, beste Sicht im gesamten Showverlauf.

Zunächst war das Close up-Set Ort des „Kennenlernens“. Nach einem kurzen Videointro nahm sich jeder der Künstler ein typisches Close up-Requisit zur Hand und zeigte erste Effekte, mit Karten, Münzen, Gummibänder und letztlich den eigenen Händen.

Bereits in den ersten Minuten, in denen die Künstler die Bühne betraten um sich auch hören zu lassen, und auch im Verlauf sprachen sie das Thema Corona und die dazugehörigen Auflagen offen an: Abstand halten, möglichst keine direkten Übergaben von Gegenständen, die Umstellung mancher Routinen, jedem Zuschauer freizustellen, was er wie mitmachen möchte. Das Thematisieren der offensichtlichen Einschränkungen machte eben diese gut erträglich – und führte im Verlauf der Show auch zu dem ein oder anderen Gag.

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Axel Adams stammt aus Ingolstadt, hatte also mit Abstand die weiteste Anreise hinter sich. Er nahm in gewisser Weise die Rolle des Moderators an, schaffte die Verbindung zwischen einzelnen Auftritten und Szenenwechseln und sagte seine Kollegen mit viel lobenden Worten an.

Aber auch eigenes Material brachte er selbst auf die Bühne. Nicht nur die genaue Erklärung, wie sich richtiger Live-Applaus mit echten Menschen vom stummen Applaus in Livestreams unterscheiden sollte. Auch diskutierte er mit Zuschauern die Frage, was man tun würde, wenn man tatsächlich zaubern könnte. Neben den ungewöhnlichen Antworten aus dem Publikum, unter anderem, Corona verschwinden zu lassen, war die Sache für Axel klar: Geld zaubern! Nicht sein eigenes natürlich, sondern das eines Zuschauers, „gefischt“ mit einem riesigen Kescher, aber vergänglich, wie Geld nunmal ist. Wie die meisten anderen hatte Axel sich intensiv den Sozialen Medien zugewandt, erfand sogar eine eigene Challenge, für die nur ein Löffel notwendig war, in der ihn aber dennoch Nicht-Zauberer nur schwerlich werden besiegen können. Auch bei einer Version des „Find the Lady“-Spiels hätte das Publikum, so sehr es sich auch bemühte, nicht gewinnen können. Bei einer weiteren Routine, mit der wahrscheinlich meisten Publikumsinteraktion des Abends, wurden Zuschauer zu Zufallsgeneratoren, die aber offenbar unbewusst gar nicht so zufällig handelten. Zu guter Letzt noch stellte Axel die Vergänglichkeit des Geldes nochmals auf die Probe, zur großen Freude des Zuschauers, der ihm den Geldschein vom Anfang geliehen hatte.

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Timothy Thomson wurde zu Recht von seinem Kollegen als „Lokalmatador“ anmoderiert. Der Lüdenscheider ist ein Urgestein der dortigen Kleinkunst, und hatte auch die Organisation der Show im Lüdenscheider Kino übernommen. Inzwischen seien aber, hätte die Pandemie es nicht verhindert, sein Hauptauftritts-Metier Kreuzfahrtschiffe. Das merkwürdige Gefühl, zu Beginn von Corona abgeschottet mit einem Schiff unterwegs gewesen zu sein, bis es endlich an einem Hafen anlegen und unter strengsten Regelungen Passagiere und Crew auf die Heimreise schicken durfte, machte einerseits nachdenklich, ist aber andererseits eine Geschichte, die so wirklich nicht jeder erzählen kann.

Beim vielen Reisen seien dem Zauberer auch Regeln untergekommen, die er nicht nachvollziehen könne. Etwa das Getränkeverbot beim Fliegen. Er habe aber eine Methode entwickelt, Getränke unbemerkt mitzunehmen und sogar noch nach Wunsch zu variieren. Dass man dafür allerdings Magie benötigt, machte den Tipp nur halbwegs praktisch, aber sehr beeindruckend.

Auch das Close Up-Set wusste Timothy zu nutzen. Routinen, die sonst in großen Sälen schwerlich zu zeigen sind, hatten Dank der großen Leinwand einen ganz eigenen Reiz. Das Wandern von Münzen etwa zwischen seinen Händen auf einem Tisch, oder eine Variante des Hütchenspiels, bei dem ein Zuschauer nicht etwa zwischen drei Hütchen, sondern der Position eines Würfels entscheiden musste, wie zu erwarten aber keine Chance hatte gegen Ablenkung und Fingerfertigkeit.

Auch das endgültige Finale der Show gehörte dem Lüdenscheider. Zu Recht, heizte er die Stimmung im „Studio“ noch einmal richtig an mit seiner impulsiven und unterhaltsamen Version einer Flaschenwanderung im Setting einer klischeemäßigen Teleshopping-Show.

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Der dritte Künstler des Abends, Marco Weissenberg, fügte sich als „Wunderkind“ in das Trio ein. Wunderkind, weil er Wunder sammelt, und sich diese für seine Kunststücke zunutze macht. Selbst mit einem Gegenstand wie einem Zauberwürfel, der für die meisten endlose Stunden geraufter Haare bedeutet, weiß er auf besondere Weise umzugehen. Scherzhaft lösungsorientiert, mit dem Ergebnis einer magischen Lösung, dem vermeintlichen Beeinflussen eines Zuschauers darin, den Würfel auf eine bestimmte Weise wieder durcheinander zu bringen, und nicht zuletzt seiner Idee, aus etwas so viel Gehasstem etwas absolut „Süßes“ zu machen. Zwei weitere Nummern aus seiner aktuellen Tourshow „Wunderkind“ hatte Marco für diesen Abend angepasst. Einerseits die Geschichte über seinen Auszug und dem damit verbundenen Packen von Kisten mit wertvollen und erheiternden Erinnerungen und der rührenden Idee, allem, was wichtig ist, immer irgendwie noch einen Platz geben zu können. Andererseits die Erzählung rund um die Polaroidkamera, die ihn bereits seit seiner frühen Kindheit begleitet und schon damals für zuweilen niedlich-ungünstige Bilder sorgte, und heute zum Gegenstand eines Kunststücks rund um Vorstellungskraft und Erinnerungen wurde.

Im Gegensatz zum Analogen von gedruckten Bildern, war an diesem Abend besonders aufregend für Marco und die Zuschauer eine kleine Videopremiere. Im vergangenen Monat habe er intensiv an einem Videoprojekt gearbeitet, das Ende Juli endgültig veröffentlicht wird. Für die Zuschauer gab es aber schon an diesen Abenden einen exklusiven Trailer für das Projekt: „Money Heist Magic“. Die Verbindung aus zwei Leidenschaften des Unnaer Künstlers: Zauberkunst und Serien. „Money Heist“, zu Deutsch „Haus des Geldes“, ist eine Serie rund um den spektakulären Einbruch einer Verbrecherbande in die Banknotendruckerei von Spanien. Bei „Money Heist Magic“ adaptiert Marco das Format und verbindet es mit Zauberei. Und um den Zuschauern zu beweisen, dass in dem gesamten Video keinerlei Kameratricks verwendet wurden, zeigte der Zauberer anschließend im Close up-Set einige der Effekte live vor der Kamera.

Ab dem 31.07. gibt es das ganze Video auf Marcos YouTube-Kanal, der Trailer ist sogar in der ersten Ausgabe der Clipshow zu „Magic At Home“, ebenfalls bei YouTube, zu sehen.

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Nicht nur für einen zweimal ausverkauften Saal hatte sich das Risiko und der Aufwand gelohnt. Zuschauern wie Künstlern merkte man die ehrliche Freude aneinander an, echtes Klatschen und Lachen hatte den Saal vom ersten bis zum letzten Moment gefüllt, trotz Abstand und Masken waren selbst die kleinen Autogrammstunden nach den Shows gut besucht. Das Engagement, die aufrichtige Dankbarkeit und Ehrlichkeit der Künstler gab dem Abend etwas unvergleichlich Persönliches, machte den physischen Abstand ums Vielfache wieder wett. Und in Verbindung mit unterhaltsamer, erstaunlicher und zuweilen rührender Zauberkunst ist den Künstlern der Wiedereinstieg in die Liveauftritte absolut gelungen.

Auch für mich war es die erste Liveshow, zumal Zaubershow, seit Beginn der Pandemie. Und ich freue mich sehr über den Erfolg, und war besonders angetan davon, endlich wieder das wahrscheinlich schönste Geräusch der Welt zu hören: ungläubiges Gemurmel, erstaunte Ausrufe und das kleine Wort „Häh?“.

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